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Summer of ’76
von Claudia Hornung
„Wenn ich gewinne, dann – dann, …?“ Tobias kratzte sich nachdenklich die sommersprossige Nase. Er war mit Abstand der niedlichste Junge an unserer Schule und hingerissen sah ich ihm zu.
„Was dann?“ Ich war zwölf Jahre alt und hoffte, er würde sich etwas wirklich SCHLIMMES ausdenken. Vielleicht so was in der Art wie einen Zungenkuss. Meine Freundin Babette hatte mir versichert, dass das absolut eklig war. Dann könnte ich heute mein armseliges Dasein als Ungeküsste beenden.
Doch Tobias enttäuschte mich. „Ach was, ich wette doch nicht mit einem Mädchen!“
„Feigling!“ Ich war sauer. „Du hast ja bloß Schiss, dass du verlierst!“
Diese Ansage zog eigentlich immer. So auch jetzt. Tobias starrte mich sprachlos an. Eine Strähne seines strubbeligen, rotblonden Haares fiel ihm in die Stirn und wütend wischte er sie beiseite. „Also gut.“
Ich wartete gespannt.
„Wenn ich gewinne, tunke ich dich zwei Minuten lang im Freibad! Und wehe, du läufst vorher weg!“
Ich schnaubte verächtlich. Dann präsentierte ich ihm seinen Wetteinsatz. „Und wenn ich gewinne, musst du mich zwei Minuten lang küssen!“
Tobias blaue Augen wurden kugelrund. Etwas flackerte darin. Angst? Oder Faszination? Mir wurde heiß und ich spürte, dass mein Gesicht gleich dunkelrot anlaufen würde.
„Fang an!“, forderte ich trotzig und fügte sicherheitshalber noch ein „wenn du dich traust“ hinzu.
Tobias schluckte.
Dann streckte er mir seinen sonnenverbrannten rechten Arm hin und wies auf einen kleinen roten Punkt knapp unterhalb des Ellenbogens. „Eins!“
„Eins“, bestätigte ich.
Am rechten Arm hatte er insgesamt vier Mückenstiche, links fünf und an den Beinen zwölf. Dazu kamen noch zwei am Hals und einer auf der Stirn. Fragend sah er mich an.
„Das reicht nicht!“ Ich schüttelte den Kopf und verbiss mir ein Grinsen, um meine Siegesgewissheit nicht zu verraten.
Widerwillig zog er sein verwaschenes T-Shirt über den Kopf, reichte es mir und ließ mich weiterzählen. Drei auf dem Rücken und drei auf dem Bauch. Seine Haut roch nach Sonne und Schweiß. Unter dem linken Schulterblatt hatte er eine interessante kleine Narbe. Weiß, in Form eines Halbmondes.
„Wo hast du die denn her?“ Sacht fuhr ich mit dem Finger darüber.
Tobias zuckte so heftig zusammen, als hätte ihn meine Berührung verbrannt.
„Geht dich gar nichts an!“, fauchte er, riss sein T-Shirt an sich und hatte es in Sekundenschnelle wieder angezogen. „Also, wie viele hab ich?“
„Dreißig“, lächelte ich provozierend. „Sind das alle, die du hast?“
Er stieß ein Brummen aus, das sowohl JA als auch NEIN bedeuten konnte.
„Na?“
„Ja“, behauptete er.
Ich konnte deutlich sehen, dass er log. Aber vermutlich würde ihn nichts in der Welt dazu bringen können, seine Shorts auszuziehen und mir die Stiche an seinem Hintern zu zeigen.
Mir war es recht. Somit würde ich locker gewinnen, wenn ich ihm meine neununddreißig Stiche zeigte, die ich an unverfänglichen Stellen hatte. Die drei auf meiner linken Pobacke konnte ich getrost unterschlagen.
Ich schlüpfte aus dem Kleid und trat in meinem neuen roten Badeanzug vor ihn hin. Tobias schien nicht weiter beeindruckt. Verbissen begann er die roten Punkte auf meinen Armen und Beinen zu zählen. Es dauerte eine Weile.
„Siebenunddreißig“, bekundete er schließlich zähneknirschend seine Niederlage.
Strahlend hob ich meinen Zopf im Nacken. „Da sind noch zwei. Genau am Haaransatz.“
„Dann eben neununddreißig.“ Tobias Kaugummiatem wehte mich an.
Aus irgendeinem Grund konnte ich dieses falsche Ergebnis so nicht stehen lassen. „Nein, ich hab zweiundvierzig!“, verkündete ich triumphierend.
Er starrte mich an. „Zeigst du sie mir, wenn ich dich küsse?“
Ich bekam eine Gänsehaut. Aber was blieb mir anderes übrig? Mit unbeschreiblichem Kribbeln im Bauch schob ich den Gummisaum meines Badeanzugs etwas in die Höhe.
Tobias kniete sich hinter mich und sein Haarschopf verdeckte mir die Sicht. Ich verrenkte mir beinahe den Hals. „Was ist? Siehst du sie?“
Mit rotem Kopf erhob er sich und nickte.
„Zweiundvierzig!“
Das durchdringende Blau seiner Augen machte mich schwindlig. Vielleicht war es auch die Sonne. Oder der erste Kuss meines Lebens, der gleich darauf folgte. Erkauft mit zweiundvierzig Mückenstichen. Er war sehr feucht. Klebrig.
Und bestimmt länger als zwei Minuten.