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Semonas Lied (Textauszug)
von Claudia Hornung
»Kannst du nicht schlafen?«
»Nein.« Niala drückte ihr Gesicht in die wollene Decke. »Es ist zu hell heute Nacht. Singst du mir vor? Bitte!«
Ihre Großmutter seufzte. Niala setzte sich auf. »Bitte …«, wiederholte sie.
Durch die halbgeöffnete Tür der kleinen Hütte fiel das blassblaue Licht der beiden Monde und zeichnete seltsame Schatten auf den Boden.
»Ach, Kind …«, sagte die alte Frau. Es klang müde.
Doch Niala wusste, dass die Großmutter ihren Wunsch nicht abschlagen würde. Auch wenn dieses Lied, diese Melodie so unsagbar traurig war und die Erinnerung an eine Vergangenheit, von der sie nie sprechen wollte, ihr beim Singen fast die Kehle zuschnürte.
»Warum erzählst du nie von ihr?« Niala legte sich zurück und zog die Wolldecke bis zum Kinn. »Warum darf ich nicht wissen, was mit meiner Mutter passiert ist? Es ist doch ihr Lied, oder?«
»Ja.« Die alte Frau nickte. »Es ist Semonas Lied. Und vielleicht hast du Recht. Es ist an der Zeit, dass du erfährst, was damals geschehen ist.«
Semona fror. Hustend stolperte sie durch das Dickicht. Die blutigen Striemen an ihren Handgelenken schmerzten, vermutlich hatten sie sich entzündet. Schon seit Tagen war sie auf der Flucht und dieser düstere Wald schien kein Ende zu nehmen. Ob sie im Kreis lief? Ihre Verfolger, die Häscher des Königs, hatte sie längst abgehängt, von ihnen drohte keine Gefahr mehr. Aber wenn sie nicht bald einen sicheren Ort fand, an dem sie sich aufwärmen konnte und etwas zu essen bekam, würde sie sterben. Sie und …
Verzweifelt hob sie den Blick zum Himmel, in der Hoffnung, einen Schimmer des blauen Mondlichts zu erhaschen, doch ihre Augen fanden nur Dunkelheit. Die schwarzen Baumkronen wirkten so bedrohlich wie die Stille, die hier herrschte. Totenstille. Kein Laut durchbrach dieses entsetzliche Schweigen – kein Windhauch, der die abgestorbenen Blätter zum Rascheln brachte, kein Tier, das knacksend durchs Unterholz strich.
Semona sank auf die Knie. Grub die Finger in die feuchte Erde und weinte. So fern von der Heimat, so allein, so ohne Hoffnung hatte sie sich nie zuvor gefühlt. War dies das Ende? Das Ende einer Liebe, die nicht sein durfte?
Eine sanfte Bewegung in ihrem Leib ließ sie aufhorchen. Ein kaum spürbares Zittern, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Semona presste die Hände gegen den harten Bauch. Da, noch einmal! Sie hatte sich nicht getäuscht. Ihr Kind, es lebte!
Semona erhob sich. Wischte die Tränen aus dem Gesicht und sah sich um. Sie durfte nicht aufgeben. Nach Osten, immer nach Osten musste sie gehen – dorthin, wo der Wald zu Ende war und das Meer gegen die Klippen rauschte. Nach Osten. Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung. Und ganz, ganz leise begann sie zu singen. (...)
Semonas Geschichte ist in der Fantasy-Anthologie "Herzblut", Edition Geschichtenweber im Web-Site-Verlag zu lesen - weitere Infos zum Buch gibt es hier.