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Der kleine Tannenbaum
von Claudia Hornung
Als der Herbst kam und die Nächte allmählich kühler wurden, begannen die großen Tannenbäume aufgeregt zu tuscheln.
„Bald“, flüsterten sie, „bald ist es soweit!“
„Was meint ihr?“, fragte der kleine Tannenbaum verwundert.
„Ja, weißt du das denn nicht?“ Überrascht schauten ihn alle an. „Bald ist Weihnachten! Dann kommen die Menschen in den Wald und holen uns.“
Der kleine Tannenbaum riss die Augen auf. „Sie holen uns? Aber warum denn?“
„Sie bringen uns in ihre Häuser“, erklärte ihm eine freundliche Kiefer. „Dort stellen sie uns ins Wohnzimmer und schmücken uns mit glänzenden Kugeln, hübschen Strohsternen und vielen, vielen Lichterkerzen. Wunderschön sehen wir aus in unserem Festtagskleid.“
„Oh“, hauchte der kleine Tannenbaum. „Ist das wirklich wahr?“
„Ja, das ist wahr“, nickten die großen Tannenbäume ringsum zustimmend. „Und die Kinder singen Weihnachtslieder und die Luft duftet nach Lebkuchen und Zimtäpfeln.“
Wie wundervoll hörte sich das an! Der kleine Tannenbaum strahlte. „Ich freue mich schon.“
„Na ja“, sagte eine dicke Tanne und musterte ihn von oben herab. „Du bist so klein, vielleicht wird dich niemand haben wollen …“
„Aber ich kann doch nicht allein hier im Wald bleiben“, rief der kleine Tannenbaum erschrocken.
„Dann musst du dich eben beeilen und schneller wachsen“, brummte die dicke Tanne und wandte sich ab.
Unglücklich betrachtete der kleine Tannenbaum seine Zweiglein. Sie waren ganz gerade und von einem hellen gesunden Grün; tatsächlich war er ein besonders hübscher kleiner Tannenbaum. Aber schneller wachsen - wie sollte er das bloß anstellen?
Vergeblich reckte und streckte er sich in den nächsten Tagen der späten Herbstsonne entgegen. Viel zu schnell war der Dezember heran und eines Nachts fiel der erste Schnee.
Der kleine Tannenbaum erwachte am Morgen vom Tuten der Lastwagen und dem Kreischen der Motorsägen. Hastig schüttelte er sich ein paar Schneeflocken aus dem Gesicht, um besser sehen zu können. Eine Tanne nach der anderen luden die Waldarbeiter auf die riesigen Lastwagen. Am Nachmittag war nur noch der kleine Tannenbaum übrig.
„Schaut mal, hier ist ein echter Winzling“, lachte einer der Männer. „Was machen wir denn mit dem?“
„Warum schenken wir ihn nicht dem Kinderheim?“, überlegte ein anderer.
„Das ist eine gute Idee“, fanden alle.
Behutsam gruben sie den kleinen Tannenbaum mitsamt seinen Wurzeln aus dem frostigen Waldboden und nahmen ihn mit. Ganz still lag er auf dem schaukelnden Lastwagen und fürchtete sich ein bisschen.
Aber er hätte gar keine Angst haben müssen; die Jungen und Mädchen im Kinderheim freuten sich sehr über den kleinen Tannenbaum. Sie stellten ihn auf einen Tisch und schmückten ihn mit selbst gebastelten Sternen und Figuren aus Salzteig. Am Weihnachtsabend wurden Geschenke vor ihm ausgelegt und die Kinder sangen im Chor.
Und als es Frühling wurde pflanzten sie den kleinen Tannenbaum draußen im Garten ein, damit er weiter wachsen konnte. Dort steht er noch heute und freut sich auf das nächste Weihnachtsfest.